3.10-3.34 Lebens-Erinnerungen: Flüchtlingskinder in Bernburg

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Titel
3.10-3.34 Lebens-Erinnerungen: Flüchtlingskinder in Bernburg
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Mich schickte die Gemeinde zur Betreuung von verwaisten Kindern, die im Lager in Bernburg waren. Möglicherweise waren diese armen, verwahrlosten und abgemagerten Kinder von der russischen Armee aufgelesen worden und schon in anderen Lagern gewesen. Sie waren alle kahl geschoren wegen der Hygiene und die meisten waren traumatisiert. Sie lagen in ihren Bettchen und schlugen den Kopf immer hin und her. Andere waren nicht ganz in so schlimmer Verfassung. Ihr Alter konnte man gar nicht einschätzen, vielleicht zwischen drei und zwölf. Es war ein riesengroßer Saal und überall standen Betten. Ich habe dort auch geschlafen. Allmählich versuchte ich mit einigen anderen Frauen, den Tag zu organisieren und die Kinder zu beschäftigen. Eines Tages war die Ruhr ausgebrochen.

Eine traurige Begebenheit ist mir unvergessen, als ich ein Kind (alle waren ja kahlgeschoren und nicht zu unterscheiden) aufforderte, auf die andere Seite der Jungen zu gehen. Das antwortete mir: aber ich bin doch ein Mädchen!

Das Auffanglager der Flüchtlinge war wohl Ende des Jahres 1947 aufgelöst und es gab dort nur noch Kinder. Es ist durchaus möglich, dass ich nur in der Krankenbaracke eingeteilt war, weshalb ich mich an den großen Saal erinnere. Es war so ein Elend, dass meine Erinnerung wohl Vieles ausgeblendet hat. Es ist schon bezeichnend, dass den einheimischen Frauen diese Arbeit nicht zugewiesen wurde, sondern uns Flüchtlingsfrauen, die selbst Schlimmstes erlebt haben und die eigenen Erlebnisse verarbeiten mussten. Das Kinderlager war einer der traurigsten Orte.

In der Vorweihnachtszeit gingen wir mit den Kindern ins Bernburger Theater zu einer Märchenaufführung. Die Fliegerbaracken standen außerhalb der Stadt und wir mussten mit der Gruppe runter in die Stadt. Besonders erschütternd war für mich, wie die Kinder während der Märchenaufführung wieder auflebten, die Augen leuchteten und es wurden wieder kleine Menschlein.
Quelle
Zeitzeugenbericht Herta Kosakowski, geb. Menzel (8.12.1925 – 11.3.2018)
Räumlicher Geltungsbereich
Bernburg (Saale)